Sechs Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes zieht Frauenrechtlerin Malalai Joya Bilanz

„Afghaninnen leben unter katastrophalen Bedingungen“

ZWD-Mediengesellschaft, 19. September 2007

Malalai Joya in Press Conference in Kabul on May 21
Malalai Joya

zwd Berlin (tag). Die afghanische Frauenrechtlerin und Parlamentarierin Malalai Joya hat am 18. September auf die schockierenden Lebensumstände der Frauen in Afghanistan aufmerksam gemacht. Laut Joya, die einer Einladung der Linksfraktion nach Berlin gefolgt war, hat der Einsatz der internationalen Truppen nach dem Sturz des Taliban-Regimes nicht zu einer Befreiung der afghanischen Frauen geführt. Es gibt allerdings, wie die Zeit in der vergangenen Woche berichtete, auch Afghaninnen, die von einer Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse sprechen wie die ehemalige Journalistin Schukria Baraksai.

„Gegen Frauen wird jede Form von Verbrechen und Gewalt ausgeübt, aber niemand wird in Afghanistan für solche Verbrechen zur Rechenschaft gezogen“, monierte Joya in ihrer Rede. Sie berichtete von hohen Selbstmordraten unter afghanischen Frauen aufgrund des vorherrschenden Unrechts und der großen Armut sowie von Vergewaltigungen und sexueller Ausbeutung. Zweifellos sei Afghanistan auf internationale Hilfe angewiesen, um wieder aufgebaut werden zu können. „Aber wir wollen keine Besatzung mehr“, betonte Joya. Die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen müssten vielmehr die demokratisch orientierten Menschen Afghanistans unterstützen.

Soziales Projekt: Aufbau eines Frauen- und Kinderkrankenhauses

Die Schilderungen von Joya zeigten, so Gregor Gysi, Vorsitzender der Linksfraktion, dass die Truppen, darunter die deutschen, zunehmend als Besatzer wahrgenommen würden und auf Ablehnung in der afghanischen Bevölkerung stießen. Er betonte, dass das demokratische Engagement der afghanischen Zivilgesellschaft stärker unterstützt werden müsse. Laut Heike Hänsel, entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, kämpft Joya in Afghanistan für Frauenrechte und hat dort ein Frauen- und Kinderkrankenhaus aufgebaut, das die Linksfraktion mit einer Spende fördern will.

Anders als Joya ist die in der Zeit interviewte Afghanin Schukria Baraksai der Auffassung, dass sich die Situation für Frauen in Aghanistan sechs Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes etwas verbessert habe. Es gebe eine Debatte über Zwangsheirat, Frauenhäuser und Richterinnen, die an den Familiengerichten eingesetzt würden. Baraksai sprach sich in dem Interview gegen einen Abzug der internationalen Truppen aus.