Die afghanische Politikerin Joya riskiert alles mit ihrer Kritik

Auf ihrer Vortragsreise durch Deutschland kämpft die afghanische Parlamentarierin Malalai Joya für einen Wechsel in der westlichen Afghanistanpolitik. In ihrem Land tritt Joya persönlich den verbrecherischen Kriegsfürsten gegenüber.

Stuttgarter Zeitung, 21. Februar 2008
Von Dieter Fuchs

Malalai Joya in Press Conference in Kabul on May 21
Malalai Joya

Es ist schockierend, aber wenig verwunderlich, dass Malalai Joya in Afghanistan zwölf Leibwächter braucht und auch in Deutschland von Polizisten begleitet wird. Diese Frau ist ein atemberaubender Störenfried. Berühmt wurde Joya in Afghanistan, als sie auf der großen Ratsversammlung 2003, die den ersten Wahlen voranging, die Würdenträger mit der Forderung brüskierte, die vielen Kriegsverbrecher dort sollten ins Gefängnis geworfen werden. Joya stellt als junge Frau, die sich den archaischen Strukturen mit Vorstellungen eines säkularen Staates entgegenstellt, die den gewalttätigen Kriegsherren mit der Kraft des Wortes entgegentritt, eine kaum zu ermessende Provokation in diesem Land dar. Eine Vortragsreise hat die Trägerin des Menschenrechtspreises von Cinema for Peace 2008 nach Stuttgart geführt.

Kompromisslos kritisiert die 28-jährige Politikerin die Verhältnisse. Dafür wurde sie 2005 ins afghanische Parlament gewählt. Auch dort zeigte sie keinen Respekt vor den Granden, die mit ihrem parlamentarischen Stimmvieh Mehrheiten organisieren. Malalai Joya prangerte die Korruption an und konfrontierte Kriegsherren wie den Stammesfürsten Rasul Abdul Sayyaf im Parlament mit seinen vergangenen und gegenwärtigen Menschenrechtsverbrechen. Vier Mordanschläge hat sie überlebt, dutzende von weiteren Drohungen lassen sie nicht kalt, aber verändern ihre politische Haltung nicht. Auch in Stuttgart lässt sie keinen Raum für Interpretationen: "Das afghanische Parlament wird beherrscht von Islamisten und Kriegsherren. Das ist keine Demokratie, nur Fassade!"

Am 8. Mai 2007 ist Malalai Joya per Mehrheitsbeschluss aus dem afghanischen Parlament ausgeschlossen worden, nachdem sie zuvor von Kollegen bedroht worden war. Mit Mühe fand sie danach einen Anwalt und geht seither juristisch gegen diesen Beschluss vor. Zwischendurch versucht sie, ihre politischen Anliegen in den Ländern der westlichen Militärallianz bekanntzumachen - unter Schwierigkeiten. Die afghanischen Behörden wollten Joya nicht ausreisen lassen, das musste sie illegal tun. Und auch die deutsche Politik hat ihre Schwierigkeiten mit der Frau. Denn in der westlichen Afghanistanpolitik fordert sie eine radikale Wende.

Der Westen soll seine Zusammenarbeit mit den herrschenden Eliten in Afghanistan beenden, die überwiegend als Kriegsverbrecher und Drogenbarone gelten müssen. Sie sollten entwaffnet beziehungsweise entmachtet werden. An ihre Stelle sollten Vertreter der Zivilgesellschaft rücken, die eine ernstzunehmende Demokratie in Afghanistan aufbauen könnten. Das sind Forderungen, die das gegenwärtige Afghanistanengagement gefährden. Sie könnten eine Diskussion entfachen, für wen der Westen da eigentlich kämpft. Das will man in Berlin vermeiden.