Malalai Joya und Mathis Chiroux: Erstickte Stimmen unter dem Tränengas der Polizei in Strasbourg

Malalai Joya: Ich habe nichts an dich weiterzugeben als die Liebe meines Volkes. Ich gebe sie an dich, und ich gebe meinem Volk auch deine Liebe weiter.

schattenblick.de, 17.April 2009
AutorIn: Malalai Joya / Mathis Chiroux

Malalai Joya (31) ist jüngstes Mitglied des afghanischen Parlaments. Sie ist eine von 68 Frauen, die 2005 in das Unterhaus der Nationalversammlung (Wolesi Jirga) mit 249 Sitzen gewählt wurden. Nachdem sie sich gegen die Fundamentalisten und früheren Warlords im Parlament gewandt hatte, wurde sie im Mai 2007 suspendiert. Malalai Joya steht der Gruppe »Organization for Promoting Afghan Women’s Capabilities« (OPAWC) im Westen ihres Landes vor. Sie hat mehrere Mordanschläge überlebt und kann in Afghanistan nur mit bewaffneten Wächtern reisen.

U.S. Sergeant Matthis Chiroux and Afghan activist Malalai Joya join hands in peace on April 5, 2009 at the
Internationalen Kongresses "Nein zur NATO - Nein zum Krieg", 5. April 2009

Matthis Chiroux wollte sich am 4. April bei der Auftaktkundgebung der Anti- NATO-Demonstration in Strasbourg öffentlich bei der afghanischen Aktivistin für seine Beteiligung an der Besetzung ihres Landes entschuldigen. Die Veranstaltung wurde jedoch durch einen Tränengasangriff der französischen Polizei gesprengt. So trafen sich die beiden am folgenden Tag auf dem Podium des Kongresses »No NATO – No War«:

Matthis Chiroux: Hallo, alle. Mein Name ist Matthis, und ich bin immer noch Sergeant in der US-Armee, hoffentlich nicht mehr lange. Und hier ist Malalai Joya aus Afghanistan. 2005 habe ich für kurze Zeit geholfen, Malalais Land zu besetzen, und das war Unrecht. Es war ein Fehler. Ich hätte nicht da sein sollen. Ich hätte diese Unterdrückung ihres Volkes nicht unterstützen dürfen. Ich möchte dir sagen, Malalai, wie sehr ich die Gewalt bedauere, die meine Armee deinem Volk, deinem Land angetan hat. Ich möchte mich bei dir für die Rolle entschuldigen, die ich dabei gespielt habe. Ich war im Unrecht, und ich werde dir zeigen, daß mein Land und der Rest der Welt zu einem Punkt kommen können, wo sie Unrecht zugeben, sich entschuldigen und eine Art Versöhnung anbieten können.

Ich habe nicht viel zu geben, Malalai, aber ich würde dir gern dieses kleine Symbol für meine Versöhnung und unsere gute Freundschaft anbieten, die auf diesem Kongreß geschlossen worden ist. Diese Freundschaft wird bestehen, und hoffentlich können die Freundschaft von Malalai und mir als Vorbild für andere Menschen in anderen Ländern dienen.

Ich möchte Malalai diese Brosche geben. Die Taube ist ein internationales Symbol für den Frieden. Ich möchte sie dir gern schenken, Malalai, und dich bitten, sie als ein Zeichen unserer Versöhnung anzunehmen. Wenn amerikanische und andere Soldaten zu demselben Ort kommen könnten, wissend, daß sie Unrecht getan haben, und sich bei dem Volk, dem sie Unrecht getan haben, entschuldigen und Freundschaft suchen könnten, dann können wir Frieden haben, und es macht nichts, was unsere Regierungen tun.

Malalai Joya: Ich bin sprachlos vor Dankbarkeit, mein lieber Bruder. Ich habe nichts an dich weiterzugeben als die Liebe meines Volkes. Ich gebe sie an dich, und ich gebe meinem Volk auch deine Liebe weiter. Und ich möchte dir sagen, daß es deine Regierung ist, die sich vor allem bei großen Menschen wie dir entschuldigen muß: Sie betrügen euch, und sie benutzen euch für keine gute Sache; sie benutzen euch für einen Krieg, der nur zum Leiden meines Volkes beiträgt. Und es ist eure Regierung, die sich beim afghanischen Volk dafür entschuldigen muß, daß sie in sein Land eingedrungen ist und ihm eine Mafiaregierung von Warlords und Drogenbossen aufgezwungen hat. Nicht nur beim afghanischen Volk, sondern ebenso beim Volk des Irak, dessen Land sie besetzen ließ und das sie betrügt. Und jetzt führen sie auch Krieg in Pakistan. Die US-Regierung muß sich vor allem bei den friedliebenden Menschen ihres Landes entschuldigen.

Ich war gestern bei der Demonstration. Ich wollte dort im Namen meines Volkes sprechen, um die falsche Politik der US-Regierung und besonders die der NATO aufzudecken, weil die Regierungen ihrer Mitgliedsländer seit sieben Jahren der verheerenden Politik der USA gefolgt sind, einer Politik, die ein Hohn auf jegliche Demokratie ist. Bitte erheben Sie alle, so laut Sie können, Ihre Stimme gegen die Kriegstreiberei Ihrer Regierung und auch gegen die USA, die besetzen und besetzen möchte. Bitte erheben Sie Ihre Stimme gegen die falsche Politik der Obama-Regierung, die jetzt mehr Truppen nach Afghanistan senden und um ihrer eigenen strategischen Gewinne willen Kompromisse mit den brutalen Taliban und anderen Terroristen eingehen möchte, was meinem Volk mehr Konflikte und Krieg bringen wird.

Quelle: junge Welt, Wochenendbeilage, 18./19.4.09