Tübingen :Interview Haensel mit Malalai Joya:

„Afghanistan: weg mit Besatzung!“

stattweb.de-News und -Mitteilungen, 17.September 2007

Malalai Joya in Press Conference in Kabul on May 21
Malalai Joya

[Übersetzung: Dr. Birgit Bock-Luna]

Heike-Haensel: Sie sind eine sehr mutige und kämpferische Frau. Seit Ihrer bekannten Rede in der Loya Jirga (verfassungsgebende Versammlung) am 17.12. 2003, in der Sie öffentlich die Anwesenheit von Warlords und Kriminellen kritisiert haben, leben Sie mit Morddrohungen. Woher nehmen Sie die Energie für die Fortführung Ihres Aktivismus für Menschen- und Frauenrechte in Afghanistan?

Malalai Joya: Ich erhalte meine Energie von dem schrecklichen Leid meiner Landsleute und besonders der der Frauen, die durch die Unterdrückung der Fundamentalisten am meisten leiden. Wenn ich sehe, dass die Menschen in Afghanistan seit Jahrzehnten Opfer von Verbrechen und Brutalitäten der Fundamentalisten verschiedener Strömungen sind, die uns mit ihrem religiösen Faschismus quälen und foltern, spüre ich die Entschiedenheit, etwas dagegen zu unternehmen, um die Situation zu ändern.

Aber in der Loya Jirga konnte ich es nicht mehr ertragen, zu sehen, dass dieselben Kriminellen, die für die Ermordung von zehntausenden von Frauen und Männern verantwortlich waren, in der ersten Reihe saßen, dass sie die Versammlung leiteten. Niemand anderes nahm den Mut zusammen, um gegen diese Verhältnisse zu protestieren. Also entschied ich mich, die Stimme für meine Landsleute zu ergreifen und sprach mich öffentlich gegen die Kriegsverbrecher aus, obwohl dies bedeutete, dass ich um mein Leben fürchten musste.

Nach diesem Ereignis erhielt ich solch herzliche Sympathien von meinen armen Landsleuten, die mich tief beeindruckte und mich dazu motivierte, mehr Einsatz, Kraft und Energie aufzubringen, um meinen Kampf gegen die terroristischen Fundamentalisten fortzusetzen.

Trotz häufiger Drohungen von meinen Feinden und wenigstens vier Mordversuchen habe ich entschieden, mich nicht zum Schweigen bringen zu lassen und werde weiterhin die Stimme meiner sprachlosen Landsleute sein.

HEIKE HAENSEL: Wie sieht das Leben von afghanischen Frauen heute aus?

Malalai Joya: Die USA und ihre Verbündeten haben das Elend der afghanischen Frauen als Vorwand missbraucht, um ihren Angriff auf Afghanistan zu legitimieren, mit dem sie vorgaben „den afghanischen Frauen Frieden zu bringen.“ Kurz nach dem Sturz der Taliban verkündete Herr Bush, dass “die afghanischen Frauen jetzt frei sind.”

Dies ist nur eine Lüge und verblendet die Menschen weltweit. In Wirklichkeit haben sich die Lebensumstände afghanischer Frauen nicht zum Positiven gewendet, sondern sie leiden mehr denn je.Wie können unsere Frauen frei sein, wenn das ganze Land in den Händen von Warlords ist, die bis auf die Knochen frauenhasserisch sind?

Statt an dieser Stelle die frauenrechtliche Katastrophe in Afghanistan im Detail zu erläutern, möchte ich ein paar schockierende Beispiele geben, um die fürchterlichen Lebensbedingungen von afghanischen Frauen zu beschreiben:

- Niemals war die Zahl der Selbstmorde von afghanischen Frauen als Folge von Armut, Not und dem Fehlen von Gerechtigkeit so hoch wie heute. Die unabhängige Menschenrechtskommission für Afghanistan hat festgestellt, dass allein in der westlichen Provinz Herat im Jahr 2006 104 Fälle von Selbstverstümmelung dokumentiert wurden. Die wirklichen Zahlen für das gesamte Staatsgebiet sind noch viel höher.

- Nach Angaben von UNIFEM betrachten 50 000 Witwen in Kabul und tausende Frauen im Rest des Landes Selbstmord als einzigen Ausweg aus Elend und Not

- Über 95 % der afghanischen Frauen leiden unter Depressionen.

- Alle 28 Minuten stirbt eine Frau in Afghanistan während der Geburt.

- 54 % der afghanischen Kinder werden mit Behinderungen geboren (von 100 000 Lebendgeburten sterben 6 500 Mütter bei der Geburt)

- Die durchschnittliche Lebenserwartung afghanischer Frauen beträgt nur 44 Jahre.

- Viele Leute verkaufen ihre kleinen Töchter, teilweise nicht einmal zehn Jahre alt, als Bräute, um Armut zu lindern und Zwistigkeiten zu lösen.

- Mädchen werden in Afghanistan nach wie vor wie eine Währung gehandelt, und Zwangsehen sind üblich.

- Befehlshaber der Nordallianz entführen und vergewaltigen Frauen und Mädchen in Regionen, die unter ihrer Kontrolle stehen: die elfjährige Sanobar wurde von einem Warlord entführt, vergewaltigt und dann in einem Tauschhandel für einen Hund eingelöst. Eine andere Frau wurde in der Provinz Badakhshan von einer Gruppe von 11 schwer bewaffneten Männern vergewaltigt. Die vierzehnjährige Fatima, ihre Mutter und die elfjährige Rahima wurden vergewaltigt…. Diese Liste könnte um hunderte ähnliche Vorfälle erweitert werden, die normalerweise nicht dokumentiert werden.

- Nach Angaben einer Oxfam-Studie besucht nur eines von fünf Mädchen die Grundschule und eines von 20 besucht die weiterführende Schule.

- Bekannte Frauen, die sich trauen, außerhalb ihrer Häuser einer Arbeit nachzugehen, werden bedroht und ermordet. In den letzten zwei Jahren wurden Frauen wie Shokiba Sanga Amaaj, Zakia Zaki, Shaima Rezayee, Nadia Anjuman und andere ermordet.

Die obige Liste stellt nur die Spitze des Eisbergs dar, wenn es um die Beschreibung der desaströsen Situation von afghanischen Frauen geht. Alle erdenklichen Formen von Folter und Verbrechen werden gegen Frauen angewandt, aber es herrscht Rechtlosigkeit, und die Täter werden üblicherweise für ihre Taten nicht belangt

HEIKE HAENSEL: Seit Oktober 2005 sind Sie Abgeordnete im afghanischen Parlament Loya Jirga. Wie schätzen Sie die gegenwärtige politische Situation in Ihrem Land ein?

Malalai Joya: Ich denke, dass Afghanistan einer Zeitbombe gleicht, die jeden Moment explodieren kann. Wir leben heute in einem Dschungel aus Gesetzen. Die Macht der Waffen und der Drogen-Mafia herrscht überall in Afghanistan.

Die USA und ihre Alliierten haben das barbarische Regime der Taliban zwar gestürzt, aber sie haben nicht den Islamischen Fundamentalismus beseitigt, der das Grundübel für das Elend der afghanischen Frauen, Kinder und Männer ist. Stattdessen haben die USA den Afghanen die Nordallianz aufoktroyiert und solche Verbrecher an die Macht gebracht, deren Vergangenheit lauter Verbrechen aufweisen und die so ignorant und frauenfeindlich wie die Taliban denken und handeln.

Tatsächlich haben die USA ein undemokratisches, fundamentalistisches Regime durch ein anderes ersetzt. Vom ersten Tag an wussten die Menschen, dass sie mit den Versprechen von “Demokratie” und “Freiheit” in Wahrheit betrogen worden sind. Die neue Administration wird ihnen weiterhin nichts Gutes bringen.

Neuerdings bestätigen sogar einflussreiche internationale Medien, dass Afghanistan ein gescheiterter Staat ist, der von der Drogen-Mafia geführt wird.

Korruption und Betrug in der Regierung lenken Milliarden von Dollar in die Taschen von Offiziellen und ihren NGOs. Trotz Zahlungen von Milliarden von Dollar für Hilfsmaßnahmen kann die Regierung noch immer keine Elektrizität, Nahrung und Wasser für die Menschen liefern. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

Am 19. März 2007 hat die “Integrity Watch Afghanistan” eine unabhängige Studie veröffentlicht, die belegt, dass 60 % der Afghanen meint, die gegenwärtige Administration sei korrupter als irgendeine andere in den letzten zwei Jahrzehnten. Herr Izzatullah Wasifi, der Anti-Korruptionschef der afghanischen Regierung, hat selbst eine kriminelle Vergangenheit in den USA und verbrachte auf der Basis von Drogendelikten ca. 4 Jahre im Gefängnis.

Es ist eine Schande nicht nur für die USA sondern für die gesamte internationale Gemeinschaft, die in Afghanistan arbeitet, dass, während die Taliban in den Jahren ihrer Herrschaft immerhin erfolgreich den Opiumanbau reduziert haben, heute Afghanistans Anteil an der weltweiten Opiumproduktion 93 % beträgt. Umso beschämender ist es, dass die meisten der in Afghanistan hergestellten Drogen in den Strassen von New York und Europa verkauft werden. Meine Landsleute glauben heute fest daran, dass die USA und ihre Verbündeten in dem schmutzigen Geschäft mit den Drogen ihre Finger im Spiel haben. Sogar Herr Karzai hat den Westen für die Explosion des Opiumanbaus in Afghanistan schuldig gesprochen.

Gemäß der Zeitung “The Mail” vom 21. Juli 2007, sind “die vier größten Spieler im Heroingeschäft Senior-Mitglieder in der afghanischen Regierung – derselben Regierung, für die unsere Soldaten kämpfen und, bei dem Versuch sie zu beschützen, sterben.“

General Dawood, der Leiter der Abteilung Drogenkontrolle im Innenministerium Afghanistans ist selbst ein bekannter Drogendealer.

Die Mafia ist an der Macht und wird vom Westen unterstützt. Vor einigen Tagen hat der afghanische Minister für Wohnen, Herr Yousif Pashtun, erklärt, dass tausende Hektar Flächen von mächtigen Männern besetzt werden und sie nichts gegen diese unternehmen können, da die Mafia involviert sei. In diesem Zusammenhang nannte er den Namen Qasim Fahim (Abgeordneter des Parlaments and ehemaliger Abgeordneter von Herrn Karzai) als Kopf der Landmafia.

Während die Nordallianz Gruppen bewaffnet hat, welche die nördlichen Teile des Landes unter ihrer Kontrolle hat, und die Regierung jegliche Kontrolle verloren hat, befinden sich die östlichen und südlichen Landesteile unter der Kontrolle der Taliban, die von Pakistan und Iran unterstützt werden. Die Taliban gewinnen täglich an Macht hinzu und benutzen die vorherrschende Unzufriedenheit der Menschen mit der Regierung, um ihre Einflussgebiete auszudehnen. Zeitgleich erwägen die USA und Karzai sogar, den Weg für die Einbeziehung der Taliban an der Macht zu ebnen.

Das Parlament selber ist ein Treffpunkt für Drogenbarone und Menschenrechtsverletzer. An die 90 % der Parlamentsabgeordneten stammen aus bewaffneten Gruppierungen, verfügen über ein horrendes Vorstrafenregister und haben ihre Sitze durch Wahlbetrug, mit gezogenen Gewehren und unter Anwendung von Einschüchterungsmaßnahmen erlangt.

Human Rights Watch hat am 27. September 2006 folgende Aussage gemacht: “Warlords mit einer Vergangenheit von Kriegsverbrechen und besonders ernsten Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung während des afghanischen Bürgerkriegs in den 1990er Jahren, wie die Parlamentarier Abdul Rabb al Rasul Sayyaf und Burhanuddin Rabbani, General Abdul Rashid Dostum, und der gegenwärtige Vize-Präsident Karim Khalili,wurden Machtpositionen zugewiesen, was eine Demütigung für die afghanische Bevölkerung bedeutet.“

Ich könnte weit mehr zur schrecklichen Situation in Afghanistan berichten, aber ich denke, dass man ausgehend von den obigen Beschreibungen selbst beurteilen kann, in welch einer gefährlichen Lage sich Afghanistan befindet. Es liegt auf der Hand, dass der Westen nicht wirklich an Frieden und Stabilität in unserem Land interessiert ist.

Heike Haensel: Am 15. September finden große Friedensdemonstrationen gegen die deutsche militärische Beteiligung in Deutschland statt. Nach Angaben von Meinungsumfragen (Forsa), spricht sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung, 77 %, für einen Rückzug der deutschen Truppen von Afghanistan aus. Nichtsdestotrotz zieht die deutsche Regierung eine Beendigung der Militärmission in Afghanistan nicht in Betracht. Wie bewertet die lokale Bevölkerung in Afghanistan die Gegenwart deutscher und anderer westlicher Truppen in Ihrem Land?

Malalai Joya: Wie ich schon oben erwähnte, sind die Afghanen mit der jetzigen Situation extrem unzufrieden und leiden unter dem Krieg. Am Anfang wurde der Bevölkerung viel versprochen, aber in Wirklichkeit ergaben sich keine Verbesserungen. Mittlerweile hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass der Westen nur für seine eigenen strategischen und politischen Interessen in Afghanistan eintritt und das Leid der Menschen die internationale Gemeinschaft nicht wirklich tangiert.

Die Bevölkerung Afghanistans war anfangs voller Hoffnung auf ein besseres Leben, aber gegenwärtig sind alle ihre Hoffnungen zerstört, weil sie sehen, dass die westlichen Truppen zwar gegen die Taliban kämpfen, aber gleichzeitig die Nordallianz mit Milliarden US-Dollar unterstützen, obwohl die Nordallianz sogar schlimmer als die Taliban ist. Deshalb machen die Leute sich lustig über den „Krieg gegen den Terror“, weil der Westen eine terroristische Gruppierung unterstützt, um andere Terroristen zu bekämpfen.

Viele Afghanen sind sehr wütend über die hohe Zahl an zivilen Opfern und lehnen die Präsenz ausländischer Truppen aus diesem Grund ab.

Hauptkritikpunkt ist, dass die Truppen aus anderen Ländern, einschließlich Deutschland, genau die Strategie und den Weg der USA verfolgen, so dass nicht-amerikanische westliche Truppen in den Augen der Menschen keine eigene, unabhängige Identität haben.

Das ausschlaggebende Kriterium für die Menschen in Afghanistan ist, ob diese Länder die Taliban und die Nordallianz bekämpfen oder nicht. Leider haben wir aber noch kein Land gesehen, dass irgendein ablehnendes Wort über die Nordallianz ausgesprochen hätte, obwohl diese als genauso gefährlich für Afghanistan wie die Taliban gelten.

Meine Landsleute wissen, dass Deutschland und andere Länder ihre Truppen auf Druck der USA nach Afghanistan geschickt haben, um zu demonstrieren, dass der sogenannte „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan ein internationales Engagement gegen Terroristen ist. In der

Realität sind diese Truppenmitglieder also selbst Opfer, denn das Blut dieser Soldaten wird nicht zum Nutzen der afghanischen Bevölkerung vergossen, sondern zum Nutzen der USA.

Die deutschen Truppen, die in Nordafghanistan stationiert sind, pflegen freundliche Beziehungen mit den lokalen Warlords und Befehlshabern, um blutige Auseinandersetzungen zu vermeiden. Währenddessen ist die Situation unter den lokalen Befehlshabern zugespitzt, die Einheimischen werden von ihnen mit Waffengewalt eingeschüchtert und brutalisiert.

Vor einigen Monaten gab es blutige Kämpfe zwischen General Dostum und seinen Widersachern. Jeder Warlord hat seine eigene lokale Regierung geschaffen, so dass der General keine Kontrolle hat und nicht einmal auf die Offiziellen Einfluss nehmen kann.

Ich will also nochmals betonen, dass Afghanen keinen relevanten Unterschied zwischen dem militärischen Engagement der USA und anderen Ländern in Afghanistan erkennen können. Sie verfolgen dieselbe Strategie, die sich bereits als falsch und desaströs für das Land und seine Menschen erwiesen hat.

HEIKE HAENSEL:Welche Veränderungen erwarten Sie, wenn kein ausländisches Militär mehr in Afghanistan stationiert wäre? Wie ernst ist die Gefahr einzuschätzen, dass Warlords die komplette Kontrolle über Afghanistan wiedererlangen?

Malalai Joya: Keine Frage, Afghanistan braucht internationale Hilfe, um sich aus dem Sumpf zu ziehen und den Wiederaufbau zu leisten, aber wir wollen keine Besatzung. Afghanen haben eine lange Geschichte, in der sie gegen ausländische Invasionen und Besatzungen gekämpft haben. Heutzutage ist Afghanistan ganz klar von einer Invasion betroffen und die ausländischen Truppen spielen mit dem Schicksal der afghanischen Bevölkerung. Sie opfern die Menschen für ihre eigenen Interessen.

Die Geschichte hat gezeigt, dass keine Nation einer anderen Befreiung bringen kann, es liegt in der Pflicht und Verantwortung unserer eigenen Menschen, für Frieden und Demokratie zu kämpfen. Bevölkerungen anderer Länder mögen uns dabei lediglich die Hand reichen.

In Wirklichkeit hat die US-Invasion nichts Positives für die Menschen gebracht, sondern die Situation noch weiter kompliziert. Sie hat die Nordallianz aufgerüstet und mächtiger gemacht, nachdem sie von den Taliban fast besiegt worden war, aber jetzt gibt sogar Herr Karzai zu, dass sie eine größere Gefahr für Afghanistan darstellt als die Taliban.

Wenn also in der gegenwärtigen Situation die ausländischen Truppen Afghanistan verließen, könnte wieder ein Bürgerkrieg ausbrechen, da beide Seiten (Taliban und NA) voll bewaffnet und von ausländischen Regierungen unterstützt werden.

Ich denke, dass die Möglichkeit eines Bürgerkriegs dann minimiert werden kann, wenn die folgenden drei bedeutsamen Schritte berücksichtigt werden.

- Die Nordallianz muss entmachtet und ernsthaft entwaffnet werden. In dieser Weise wurde der Warlord Ismael Khan vor einigen Jahren erfolgreich entwaffnet, nicht durch Prozesse wie DDR und DIAG (offizielle Demobilisierungsprogramme), die ein Witz und völlig nutzlos sind.

- Die Internationale Gemeinschaft und die UN müssen ernsthaft Länder wie Pakistan, Iran, Russland, Usbekistan u.a. beobachten und sie dabei stoppen, Waffen zu schicken und andere Formen von Unterstützung für die Taliban oder die Nordallianz zu leisten.

- Die Internationale Gemeinschaft muss die demokratischen Kräfte und Individuen unterstützen, die jahrzehntelang unterdrückt wurden, so dass sie Alternativen für Afghanistan erarbeiten können. Leider sind in dieser Richtung in den letzten Jahren keine Anstrengungen unternommen worden, die Warlords haben demokratische Institutionen weiterhin marginalisiert.

Ausländische Interventionen sind keine Lösung für die desaströse Situation in Afghanistan. Ein dauerhafter Frieden in Afghanistan kann nur mit der Beteiligung der eigenen Bevölkerung erreicht werden, auch wenn dieser Prozess länger dauert.

Viele Afghanen meinen, dass die USA Afghanistan in der gegenwärtigen Lage halten wollen, um eine langfristige Präsenz in der Region zu festigen und eine Basis für die Kontrolle der zentralasiatischen Republiken, China, Iran und andere asiatische Mächte zu etablieren.

Ich denke, dass die Truppen nicht freiwillig abziehen werden, sie könnten aber in nächster Zukunft Widerstand von der afghanischen Bevölkerung erfahren, denn im Moment sind anti-amerikanische Einstellungen unter der Bevölkerung sehr verbreitet, weil die Jahre des Kriegs und der Gewalt sich tief in das Bewusstsein der Menschen eingegraben haben. Den Menschen ist bewusst, dass die USA sie in diese Krise manövriert haben, da sie während des Kalten Krieges Milliarden von Dollar in die Taschen von brutalen islamistischen Kräften geschüttet haben und dadurch das Erwachen der Taliban und Al-Quaida erst ermöglicht haben. Und heute unterstützen sie die Nordallianz. Die USA haben schon immer die Feinde der Afghanen unterstützt und alle terroristischen Gruppierungen sind in Wirklichkeit Produkte der USA.

HEIKE HAENSEL:Was erwarten Sie von Ihrem Besuch in Deutschland und bei der Partei DIE LINKE? Malalai Joya: Der Hauptpunkt, den ich gegenüber den Deutschen stark machen möchte, ist, dass sie den Berichten der westlichen Medien über die sogenannte Befreiung Afghanistans nicht Glauben schenken sollen. Sie sollten wissen, dass heute Afghanistan und seine Menschen Gefangene der wahnsinnigen Taliban und der kriminellen Nordallianz sind. Ich möchte ihnen die Realität der afghanischen Menschen näher bringen und deutlich machen, dass wieder einmal der Westen unsere Nation betrogen hat.

Ich möchte auch erklären, dass die deutschen Truppen Opfer der US-Politik sind. Es tut mir leid, wenn deutsche Soldaten sterben müssen, während ihre Tode unserer Bevölkerung gar nichts bringen.

Ich möchte die Deutschen auffordern, Druck auf ihre Regierung auszuüben und eine unabhängige Politik gegenüber Afghanistan auszuarbeiten, anstatt ein Werkzeug zur Durchsetzung der geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA in der Region zu sein.

Auch möchte ich die Deutschen auffordern, Druck auszuüben, damit ihre Regierung nicht mehr das Geld und die Unterstützung für die korrupte afghanische Regierung in Afghanistan bereitstellt, denn Milliarden von Dollar fließen tatsächlich in die Taschen von Warlords und der Mafia, welche die Bevölkerung unterdrücken. Stattdessen sollte die deutsche Regierung ihre Ressourcen an demokratische und unabhängige Institutionen in Afghanistan leiten.

Zum Schluss möchte ich meine deutschen UnterstützerInnen dazu auffordern, mir moralischen und materiellen Beistand zu leisten, damit ich meinen Kampf gegen Ungerechtigkeit, für Frauenrechte und Demokratie in Afghanistan weiter führen kann. Ich möchte sie wissen lassen, dass, obwohl mich Millionen von Menschen unterstützen und von mir erwarten, dass ich etwas für sie tue, ich über keine finanzielle Basis verfüge, um meine Projekte zu bestreiten und meine Hilfe für meine unglücklichen Landsleute auszudehnen.

Ich werde also um ihre Hilfe und Spenden bitten.

Anmerkung HEIKE HAENSEL: Malalai Joya ist die bekannteste Politikerin Afghanistans. Sie kämpft für die Rechte der afghanischen Frauen und gegen die Macht von Islamisten und Warlords. Dafür erhielt sie von den Wählerinnen und Wählern der Provinz Farah bei den Parlamentswahlen 2005 ein überzeugendes Mandat.

Ihre deutliche Kritik an der Regierung und an der Präsenz von Kriegsverbrechern im Parlament wurde im Mai 2007 mit dem Entzug ihres Mandats bestraft. Malalai Joya akzeptiert dieses Verfahren nicht. Mit ihr gemeinsam kämpfen Menschenrechtsorganisationen weltweit für die Rückgabe des Mandats und für die Umsetzung grundlegender demokratischer Rechte für Frauen und eine friedliche Entwicklung in Afghanistan. Der Film „Enemies of Happiness“ von Eva Mulvad und Anja Al Erhayems dokumentiert ihre Arbeit als engagierte Fürsprecherin der Frauen in Afghanistan.

Malalai Joya ist auf Einladung der Fraktion von 17.-23.09.07 in Berlin.

Quelle: website Heike-Haensel
AutorIn: Haensel/Malalai Jova