Malalai redet um ihr Leben

EMMA, März/April 2004
Frangis Dadfar-Spanta

Malalai Joya, the voice of Afghan women and people

Dass sie das gewagt hat. Vor 400 Männern im Saal und der gesamten Weltöffentlichkeit forderte die Afghanin Malalai Joya die Mujaheddin heraus.

Drei Minuten lang spricht Malalai Joya mit bebender Stimme vor der verfassungsgebenden Nationalversammlung Afghanistans. Drei Minuten, die das Leben der Frauenrechtlerin verändert haben. Der FAZ-Journalist Ahmad Taheri, der Ihren Auftritt in Kabul beobachtet

hat, schildert die Szene: „Kaum haben die noch verschlafenen 502 Delegierten unter dem riesigen Zelt Platz genommen, bittet eine junge Frau um das Wort. Unwillig gewährt Versammlungspräsident Sibghatullah Mojaddedi die Bitte.“

Joya nutzt an diesem 18. Dezember 2003 die einmalige Gelegenheit, vor der Weltöffentlichkeit Tacheles zu reden: Die 25-jährige Sozialarbeiterin, die bei den Wahlen für die Nationalversammlung in der Provinz Farah die Mehrheit bekommen hatte, wagt es als erste Frau, das Schweigen zu brechen über die Mujaheddin, jene „Gotteskrieger“, die Kabul im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer 1992 bis 1996 in Schutt und Asche legten und so die Talibane herbeischossen.

Keine der zehn Kommissionen bei der verfassungsgebenden Versammlung wird heute von einer Frau geleitet, sondern allesamt von Männern wie Abdul Rasul Sayyaf, einem radikalen Mujaheddin-Führer. „Warum haben sie Kriminelle, die das Leid über das afghanische Volk gebracht haben, als Vorsitzende der Kommissionen gewählt?“ ruft die Delegierte Malalai Joya ins Mikrofon.

FAZ-Korrespondent Taheri beobachtet, wie zahlreiche der 98 weiblichen Delegierten – sie sitzen getrennt von den Männern – ihrer Schwester aus Farah Applaus spenden. Auch einige männliche Delegierte klatschen oder lächeln zufrieden. Aber 40 Männer springen auf und verlangen, dass Joya aus dem Zelt entfernt wird. Wegen der vielen ausländischen Gäste jedoch verzichtet das Präsidium auf den Rauswurf, stattdessen faucht der Ratsvorsitzende: „Halten Sie zukünftig den Mund!“ Später wird Mojaddedi vor westlichen Journalisten erklären, dies sei zu ihrem Schutz geschehen, die Mujaheddin seien unberechenbar. „Was sie einem schwachen Weib antun können, kann man sich denken.“

Am nächsten Tag ist Malalai Joyas kühner Auftritt Aufmacher aller Kabuler Zeitungen. Manche Blätter haben sogar den Mut, sie zu loben. In ihrer Heimat gehen die Menschen für ihre Delegierte auf die Straße. Allein in der Stadt Farah waren es 400, in Mazar-e Scharif etwa 200 DemonstrantInnen. Ganz anders die Warlords, die in einigen Provinzen Afghanistans die eigentlichen Machthaber sind – mittels Terror, Drogen- und Waffenhandel. Sie beschimpfen Malalai Joya als Kommunistin und Kriminelle. Vor allem Sayyaf versucht, sie einzuschüchtern: „Wenn du die Freiheitshelden Verbrecher nennst, dann bedeutet das, dass du selber eine Verbrecherin bist.“

Mut und Courage ist bei den Joyas Familientradition. Ihr Vater lehnte sich bei der April-Revolution im Jahre 1978 gegen die von den Sowjets installierte oktroierte Regierung auf. Er brach sein Medizinstudium ab, schloss sich einer linksrevolutionären Gruppierung an und kämpfte gemeinsam mit den Islamisten gegen die sowjetische Besatzung. In diesem Krieg verlor er ein Bein, zwei seiner Cousins wurden getötet.

Seine 1978 in Farah geborene Tochter Malalai erlitt von der Invasion der sowjetischen Truppen im Jahre 1979 bis zur Schreckensherrschaft der Taliban das ganze Leiden und die wenigen Freuden der AfghanInnen. Während des 23 Jahre währenden Krieges war ihre Familie ständig auf der Flucht. Malalai wuchs im Iran auf, später lebte sie vier Jahre in einem der vielen Flüchtlingslager in Pakistan. Nach Abschluss der Schule fasste die junge Frau den Entschluss, in ihr Heimatland Afghanistan zurückzukehren und sich dort für Frauen und Kinder zu engagieren. Sie steht der „Revolutionären Frauenorganisation Afghanistans“ (RAWA) nahe. Die RAWA startete ihren Widerstand gegen die Herren aller Fronten 1992 in Pakistan. Unter den Taliban arbeiteten die Aktivistinnen im Untergrund, unterrichteten heimlich Mädchen. International bekannt wurde die RAWA durch Filmaufnahmen, die die Steinigung einer afghanischen Frau im UN-Fußballstadion zeigen. Das Video wurde mit einer unter der Burka versteckten Kamera gedreht und ins Ausland geschmuggelt (EMMA 1/2002).

Auch Malalai Joya hat während des Taliban-Regimes Mädchen in Untergrundschulen unterrichtet und dabei wie viele andere Lehrerinnen ihr Leben riskiert. Zuletzt arbeitete sie als Sozialarbeiterin in der Provinz Farah, unter anderem in einem Krankenhaus, das von einer Nichtregierungsorganisation unterstützt wird. Die Klinik, aufgebaut mit Spenden aus dem Ausland, behandelt vor allem Frauen und Mädchen. Die ÄrztInnen dort arbeiten kostenlos.

Seit ihrer skandalösen Rede vor der Nationalversammlung lebt Malalai Joya in großer Gefahr. Nach den Drohungen der Mujaheddin haben ihr mehrere Länder Asyl angeboten. Doch sie lehnte ab. Sie will Afghanistan nicht den Rücken kehren. Als sie nach ihrem denkwürdigen Auftritt in Kabul in die Südwestprovinz Farah zurückkehrte, wurde sie von Tausenden Menschen – überwiegend Frauen – begrüßt und bejubelt und seither von ihrer Familie bewacht.

Viele erinnert Malalai Joya an Malalai Maiwand, die 1880 im Kampf gegen die britische Kolonialmacht die Männer auf dem Schlachtfeld durch ein Gedicht zum Widerstand mitriss und zum Sieg verhalf. In Afghanistan wird Maiwand als Heldin verehrt. In jeder Stadt ist mindestens ein Gebäude oder eine Schule nach ihr benannt.

Die Malalai des 21. Jahrhunderts hingegen muss um ihr Leben fürchten. Bereut hat sie dennoch kein Wort. Im Gegenteil: Schweigen wäre für sie Verrat.